Archiv für den Autor: Christian Feischen

Über Christian Feischen

Geboren in 1968 Ahlen, seit 1990 in Münster musikalisch, malerisch und schriftstellerisch tätig.

Donnerstag, 20. Dezember.

Zum Jahresende noch eine kleine Geschichte über einen armen Weihnachtsmann…:

 

Donnerstag, 20. Dezember. Nach 21 Uhr.

Die Kälte kriecht bis in seine Glieder, durch den Mantel hindurch. So fühlt es sich an. Er friert und sieht vor Kälte zitternd nach den verbliebenen Geschenken in seinem Jutebeutel, den er bei sich trägt. Schnee, der aus dem schwarzen Himmel fällt, bedeckt langsam und lautlos die Holzbuden, die verschlossen und verriegelt dastehen. Aus dem Restaurant dort hinten fällt Licht und er vernimmt Stimmengewirr aus dem Gebäude. Straßenbeleuchtung erhellt die dünne Schneedecke, die Geräusche abzudämpfen beginnt. Ein Brunnen, in dessen Mitte ein Denkmal emporragt, wirft einen langen Schatten auf den Platz vor der Gaststätte. Er denkt an Weihnachten und an seine Tochter und an seine Frau. Er überlegt, wie er sich wohl Heiligabend fühlen mag, wenn sein Job hier vorbei ist. Vorbei wie dieser Weihnachtsmarkt, wie seine Ehe und vorbei wie dieses fürchterliche Jahr. Er fühlt seine Erschöpfung und wünscht sich ein warmes Essen oder einen Glühwein oder beides. Er beschließt, sich das aufzusparen bis Heiligabend. Dann wird er allein sein. Ohne seine Tochter, ohne seine Frau, die ihn verlassen hat, und vielleicht wird er sich betrinken. Er lehnt sich an die Holzwand einer dieser Buden, die für den Weihnachtsmarkt aufgestellt wurden, er legt den Kopf in den Nacken und betrachtet den schwarzen Himmel, aus dem man die kleinen weißen Flocken ab einer nicht allzu großen Höhe – just wenn sie in den Lichtkegel der Häuser und Straßen fallen – erkennen kann. Er zieht den weißen Kunstbart unters Kinn, schließt die Augen und fühlt nach, wie die Schneeflocken auf seinem Gesicht landen und augenblicklich zu Wassertropfen tauen. Dabei vernimmt er die Stimmen mehrerer Grölender. Männlich, jung, offenbar angetrunken. Sie nähern sich. Er kann verstehen, was sie reden. „Zur Jüdefelder müssen wir da lang“, meint jetzt einer.

 

Er öffnet die Augen: Drei Jugendliche mit Bierflaschen in der Hand. Sie kommen auf ihn zu. „Ey, guck mal, der Weihnachtsmann!“, schreit einer.

„Nee, der kommt doch erst noch, check das mal! Das is’n übrig gebliebener Nikolaus!“, meint ein anderer. Der dritte stimmt ins Gelächter seiner Kumpanen ein.

Sie reißen ihm die Kopfbedeckung herunter – „Ey, ’ne coole Weihnachtsmütze!“ – und beginnen um ihn herumzutanzen, die Bierflaschen in der Hand und „Jingle bells“ grölend.

Einer reißt an seinem Kunstbart, den er lächerlich findet, da versucht er sich zu wehren, indem er sagt: „Hört doch auf damit!“ Er riecht das Bier und den Glühwein, den sie getrunken haben. Sie lachen und grölen. Er will einfach weglaufen, rennt los, zuerst zerreist der lächerliche Bart, dann hält ihn einer am Mantel und er stürzt mit dem Kopf gegen die Steine des Brunnensockels. Er ist benommen und fühlt, wie ihm Mantel und Geldbörse weggerissen werden. Eine Weile liegt er da vor dem Brunnen und hört wie sie laut johlend in Richtung Rosenplatz laufen. Dumpf künden Kirchenglocken zweimal die halbe Stunde. Er liegt da in der Kälte und hält den Jutebeutel mit den verbliebenen Geschenken darin fest mit den Armen umklammert vor seinen Bauch. Nun spürt er den heißen Schmerz an seiner Stirn. Er steht auf und hält sich am Gemäuser des Brunnens fest. Blut tropft in die dünne Schneedecke. Er wendet seinen Kopf nach oben und blickt auf das Denkmal, das aus der Mitte des Brunnens emporragt. „Alles ist vorbei“, denkt er und hält sich den Kopf. „Alles vorbei…“ Stimmengewirr aus dem Restaurant hinter ihm, Blut tropft in den Schnee und er denkt an seine Frau Ruth, die ihn verlassen hat, und an seine Tochter Lisa. Dabei schaut er den Kiepenkerl an, der einst zwischen Stadt und Land hin- und herzog und dem man hier ein Denkmal errichtet hat. „Alles vorbei…“

©hristian F. 12/2007