Archiv für den Monat: Mai 2009

Sperrmüll oder share-Müll???

Sperr-Müll oder Share-Müll ?

 -Der Müll ist nicht weg, er wechselt nur den Besitzer. Denn Nützlichkeit liegt oft im  wachsamen Auge des Suchenden.-

Jeden Monat wieder, gehen Gestalten, meist im Schutze der Dunkelheit, auf Beutezug. In unserem Viertel ist jeden ersten Mittwoch im Monat, der Tag der Tage, dem schon wochenlang sehnlichts entgegengefiebert wird. Doch dieser feste Termin im Abfallkalender eines jeden Jägers und Sammlers, hält die meisten Leute nicht davon ab, schon Wochen vorher ihre nicht mehr benötigten und ausrangierten Möbel, Einrichtungsgegenstände und anderen Konsumschrott aus ihren Kellern und Wohnungen zu räumen und so der breiten Sperrmüllanhängerschaft zugänglich zu machen. Man kann also eigentlich immer auf Sperrmüllschnäppchenjagd gehen und sollte demnach immer die Augen offen halten nach noch brauchbaren Utensilien. Dass dieses Nichtbefolgen der Abfuhrtermine nicht gerade zum pittoresken Ambiente unserer Wohngegend beiträgt, stört die Verursacher dieser fast schon einem Katastrophengebiet ähnlichen Optik bislang wenig. Aber diese Außendekoration der Bürgersteige und Seitengassen verleiht unserem Viertel doch einen alternativen Touch, um in dessen Genuss zu kommen, man in anderen Quartieren bekannter Großstädte horrende Miete zahlen muss. So verbreiten doch herumstehende alte Sofas und Sessel ein gemütliches Ambiente und laden zum Verweilen ein. Was für beliebte Indie-Tanz-Schuppen unserer Stadt gut ist, kann ja für unsere Nachbarschaft nicht schlecht sein. Worüber sich also beschweren, wenn man diese urbane Atmospähre auf diesem Wege gratis bekommt, sei es auch nur für wenige Tage im Monat.

 So wären auch die Täter nur schwer ausfindig zu machen, denn man entsorgt doch seinen Kram stets zu nächtlicher Stunde. Eine weitere Vertuschungsstrategie der Urheber, ist auch das Abladen seines eigenen Mülls vor der Türe des Nachbars. Man selbst will ja nicht wochenlang über einen Haufen Müll direkt vor seiner eigenen Haustür stolpern. Außerdem: Wie sieht das denn aus!?,  würde sich so mancher kleinkarierte Pendantennachbar denken.

Schon  am Montag vor dem besagten Sperrmüll-Super-Mittwoch wachsen die Abfallberge aus Ikearegalen, Sofas und Elektroschrott merklich an. Doch ihren Gipfelpunkt erreichen diese erst am direkt darauf folgenden Dienstagnachmittag. Ab Frühabend, wenn die arbeitende Bevölkerung, das studentisch, alternative Pack und die Profis, von uns liebvoll „Sperrmüll-Mafia“ genannt, aus ihren aufgeräumten,  noch weitere Devotionalien der Konsumgesellschaft aufzunehmen bereiten, Wohnungen schleicht, geht man  auf die Jagd. Die Wiederholungstäter haben sich sicherheitshalber schon mal mit Werkzeug und Abtransportmaterialien ausgerüstet, und falls es zu Auseinandersetzungen mit anderen Jägern kommen sollte, kann die Maglite nicht nur als Lichtquelle dienen. Neben den Studenten, welche nur mal schauen wollen, ob sich noch das ein oder andere verwertbare Objekt findet, welches ihrer sonst vollständig mit Ikeamöbeln eingerichtete Wohnung einen individuellen Touch verleiht, gibt es noch die älteren Herren, meist mit Migrationshintergrund, welche mit Mofa und Anhänger bestens ausgestattet, oder gleich mit alten VW-Bulli, gezielt auf der Suche sind. Ihr präferiertes Beutegut sind alte Elektrogeräte und seit die Altmetallpreise in astronomische Höhen geschnellt sind, auch jegliche metallisch glänzenden Klein- oder Großteile. So werden ihre Mofaanhäger zu Schatztruhen der modernen Sperrmüllpiraterie. Doch scheinen unsere Strassen in fest abgegrenzte, der Mafiastruktur ähnliche Zuständigkeitsbereiche eingeteilt zu sein. Konnte man doch schon lautstarke Auseinadersetzungen zwischen Mitgliedern miteinander konkurrierender Sperrmüll-Clans beobachten. Wenn einer in feindlichen Gebieten zu plündern versucht, wird schon mal durch wildes Herumgestikulieren  mit einer kaputten Stehlampe das eigene Revier verteidigt. Von Opfern wurde bis jetzt noch nichts bekannt, so waren bisher die Drohgebärden und Verbalattacken anscheinend die ausreichenden Waffen  im Sperrmüllkrieg. Man hörte auch noch nichts von Aufrüstungsplänen seitens der Sperrmüllpiraten, doch diese halten sich ja auch außerhalb der genannten Kampftage eher im Untergrund ihrer eigenen Viertel auf.

Am Mittwoch ist alles vorbei. Dann  holen unsere orangefarbenen Freunde von der AWM also alles das ab, was in den vergangenen Tagen keinen neuen Benutzer gefunden hat. Übrig bleiben nur noch die traurigen Reste aus fast verfaulten und vom Regen aufgeweichten Verpackungskartons und  der Elektroschrott. Für beides ist die AWM nicht zuständig, da es von seinen Besitzern abfallentsorgungstechnisch korrekt zur Abholung angemeldet oder am Recyclinghof abgeliefert werden muss. Doch weil dieses Prozedere, mit einem kaum zu bewältigendem Aufwand für die ehemaligen Besitzer verbunden zu sein scheint, bleibt der ganze Krempel erstmal wo er ist. Und wenns den Nachbarn stört, solls der  es halt wegmachen. Falls sich also die AWM bei der nächsten regulären Restmüllabfuhr nicht dazu erbarmt, die traurigen Reste der letzten Sperrmüll-Party nun doch endlich mitzunehmen, werden diese Überbleibsel der Wegwerfgesellschaft unsere Strassen bis zum nächsten Sperrmülltermin weiterhin verschönern und die Plätze markieren, an denen die neuen Haufen wachsen werden.