Archiv für den Monat: Dezember 2007

Donnerstag, 20. Dezember.

Zum Jahresende noch eine kleine Geschichte über einen armen Weihnachtsmann…:

 

Donnerstag, 20. Dezember. Nach 21 Uhr.

Die Kälte kriecht bis in seine Glieder, durch den Mantel hindurch. So fühlt es sich an. Er friert und sieht vor Kälte zitternd nach den verbliebenen Geschenken in seinem Jutebeutel, den er bei sich trägt. Schnee, der aus dem schwarzen Himmel fällt, bedeckt langsam und lautlos die Holzbuden, die verschlossen und verriegelt dastehen. Aus dem Restaurant dort hinten fällt Licht und er vernimmt Stimmengewirr aus dem Gebäude. Straßenbeleuchtung erhellt die dünne Schneedecke, die Geräusche abzudämpfen beginnt. Ein Brunnen, in dessen Mitte ein Denkmal emporragt, wirft einen langen Schatten auf den Platz vor der Gaststätte. Er denkt an Weihnachten und an seine Tochter und an seine Frau. Er überlegt, wie er sich wohl Heiligabend fühlen mag, wenn sein Job hier vorbei ist. Vorbei wie dieser Weihnachtsmarkt, wie seine Ehe und vorbei wie dieses fürchterliche Jahr. Er fühlt seine Erschöpfung und wünscht sich ein warmes Essen oder einen Glühwein oder beides. Er beschließt, sich das aufzusparen bis Heiligabend. Dann wird er allein sein. Ohne seine Tochter, ohne seine Frau, die ihn verlassen hat, und vielleicht wird er sich betrinken. Er lehnt sich an die Holzwand einer dieser Buden, die für den Weihnachtsmarkt aufgestellt wurden, er legt den Kopf in den Nacken und betrachtet den schwarzen Himmel, aus dem man die kleinen weißen Flocken ab einer nicht allzu großen Höhe – just wenn sie in den Lichtkegel der Häuser und Straßen fallen – erkennen kann. Er zieht den weißen Kunstbart unters Kinn, schließt die Augen und fühlt nach, wie die Schneeflocken auf seinem Gesicht landen und augenblicklich zu Wassertropfen tauen. Dabei vernimmt er die Stimmen mehrerer Grölender. Männlich, jung, offenbar angetrunken. Sie nähern sich. Er kann verstehen, was sie reden. „Zur Jüdefelder müssen wir da lang“, meint jetzt einer.

 

Er öffnet die Augen: Drei Jugendliche mit Bierflaschen in der Hand. Sie kommen auf ihn zu. „Ey, guck mal, der Weihnachtsmann!“, schreit einer.

„Nee, der kommt doch erst noch, check das mal! Das is’n übrig gebliebener Nikolaus!“, meint ein anderer. Der dritte stimmt ins Gelächter seiner Kumpanen ein.

Sie reißen ihm die Kopfbedeckung herunter – „Ey, ’ne coole Weihnachtsmütze!“ – und beginnen um ihn herumzutanzen, die Bierflaschen in der Hand und „Jingle bells“ grölend.

Einer reißt an seinem Kunstbart, den er lächerlich findet, da versucht er sich zu wehren, indem er sagt: „Hört doch auf damit!“ Er riecht das Bier und den Glühwein, den sie getrunken haben. Sie lachen und grölen. Er will einfach weglaufen, rennt los, zuerst zerreist der lächerliche Bart, dann hält ihn einer am Mantel und er stürzt mit dem Kopf gegen die Steine des Brunnensockels. Er ist benommen und fühlt, wie ihm Mantel und Geldbörse weggerissen werden. Eine Weile liegt er da vor dem Brunnen und hört wie sie laut johlend in Richtung Rosenplatz laufen. Dumpf künden Kirchenglocken zweimal die halbe Stunde. Er liegt da in der Kälte und hält den Jutebeutel mit den verbliebenen Geschenken darin fest mit den Armen umklammert vor seinen Bauch. Nun spürt er den heißen Schmerz an seiner Stirn. Er steht auf und hält sich am Gemäuser des Brunnens fest. Blut tropft in die dünne Schneedecke. Er wendet seinen Kopf nach oben und blickt auf das Denkmal, das aus der Mitte des Brunnens emporragt. „Alles ist vorbei“, denkt er und hält sich den Kopf. „Alles vorbei…“ Stimmengewirr aus dem Restaurant hinter ihm, Blut tropft in den Schnee und er denkt an seine Frau Ruth, die ihn verlassen hat, und an seine Tochter Lisa. Dabei schaut er den Kiepenkerl an, der einst zwischen Stadt und Land hin- und herzog und dem man hier ein Denkmal errichtet hat. „Alles vorbei…“

©hristian F. 12/2007

Eine Weihnachtsgeschichte

Weihnachtszeit – da muß natürlich ein Autor der Gruppe Sem;kolon ran! Mit münsterischen Flair…

Jede Weihnacht ein Wunder

Die Stadt inmitten grenzenloser Landwirtschaft. Studentenstadt, Angestelltenstadt, will Friedensstadt sein und ist Fahrradstadt. Entlang der Promenade, auf allen Straßen und Gassen bevölkern Fahrräder den Verkehr. Der einfache Mann, die Nonne, die Jugend und der Studienrat, sie alle wetzen ihre Fahrradsättel ab. Tag und Nacht. Zur Arbeit, zum Markt und zur Universität. Leise nieselt der Regen auf die Fahrradfahrer über dem Kopfsteinpflaster der Altstadt. Im Winter Schnee.

Vom Honorar meiner letzten Lesung bestelle ich mir ein Zimmer im feinsten Hotel der Stadt. Das prächtige Foyer. Die netten Damen an der Rezeption. Der golden beleuchtete Fahrstuhl.Auch hier weht überall ein Duft von Weihnachten. Kerzen. Verspielte Dekorationen aus Tannenzweig und Kugelschmuck. Und der schwere Teppich dämpft die Schritte wie auf einer frischen Schneedecke.

Mein Zimmer auf Wunsch ganz oben im Hotelturm. Elegant vornehme Dekadenz: Bad, Bett, Minibar, Fernseher, Schreibtisch. Das Essen lasse ich mir aufs Zimmer bringen. Aus meinem Koffer hole ich einen Stapel CDs. Ans Bett habe ich mir ein Hi-Fi Gerät stellen lassen – welch ein Luxus. Packe mein Notebook, gerade noch groß genug, um darauf tippen zu können, auf den Schreibtisch.

Ein paar Stunden später und die Minibar geleert, stecke ich fest. Eine Erzählung, an der ich arbeite, kommt nicht weiter, blüht nicht auf, findet keinen Kick.Ich laufe im Hotelzimmer hin und her. Lege schnellere Musik auf, setze mich an den Schreibtisch, stehe auf und lege langsamere Musik auf. Schmeiße mich auf das Bett. Stehe wieder auf, gehe ins Bad und rasiere mich kontemplativ.

Jetzt aber! Ich setze mich an den Computer. Die Stelle, an der ich hänge, ist: „Er schaut aus dem Fenster.“ Ich lösche das, schreibe: „Er guckt aus dem Fenster.“ Nein, nein! Er muß aus dem Fenster s-e-h-e-n. Ich lösche wieder und schreibe: „Er schaut aus dem Fenster.“Ich trommle auf der Tischplatte herum. Erst mit den linken Fingern, dann mit den rechten.Wer ist Er überhaupt? Ist Er alt, jung, dick, dünn, reich, arm? Ist Er so wie ich? Ich seufze.Ich fühle mich unwohl. Ich hasse alles und jeden! Und ich fühle mich allein. Ich öffne das Fenster. Grummelnd zwinge ich mich wieder an den Schreibtisch. Ich starre, starre auf den Bildschirm.

Ich hebe meinen Blick, sehe grau verhangenen Himmel, bald ist es dunkel. Höre das Geläut unzähliger Kirchenglocken, die zu den Weihnachtsmetten einladen. Ich blicke hoch oben im Hotelturm auf die festliche Stadt herab und ein Fahrrad kommt an meinem Fenster vorbei.

Moment! Was will ich da gesehen haben? Ein Fahrrad. In dieser Höhe. Am Fenster vorbeiradelnd?

Aber es ist so. Eine Person strampelt gegen den Wind auf einem altem, schwarzen Hollandrad an dem Fenster vorbei. Und winkt mir lachend zu.Ich springe auf, hechte zum Fenster, beuge mich über die Fensterbank und sehe gerade noch, wie die Person um die Ecke des Hochhauses radelt.

Ich schließe die Augen, reiße sie wieder auf. Halluzinationen! Genau, etwas, was ein guter Psychiater erklären könnte. Ich trete einen Schritt vom Fenster zurück. Unmöglich! Niemand radelt hoch oben um ein Hochhaus! Niemand winkt mir zu!

Die Unmöglichkeit radelt gerade wieder bei mir vorbei. Jetzt klingelt sie, ruft „Hallo!“ und fährt lachend ein paar Schlangenlinien in der Luft. Dann kurvt sie um die Ecke.

Ähem… Ich hatte wenigstens Gelegenheit, die Person genauer zu betrachten. Es ist eine Frau unbestimmbaren Alters. Eine Frau mit einem weiten schwarzen Mantel. Sie trägt einen violetten, langen, sehr langen Schal, der hinter ihr her flattert. Langes, gelocktes dunkles Haar flattert ebenfalls im Wind. In ihrem Gesicht sind die strahlendsten Augen meiner Karriere. Es ist, als ob ihre Augen Funken sprühen. Lebendigkeit, Fröhlichkeit und ein großer Tupfer Schalk leuchtet aus ihnen raus.

Als das Wesen zur dritten Runde ansetzt, rufe ich aus dem Fenster: „Hey! Netter Trick!“

Die Gestalt auf dem Fahrrad bremst ab, hält auf gleicher Höhe zu mir an und steigt ab. (x-Stockwerke über dem Grund…)

Wir schauen uns an. Sie lächelt. Wir schauen uns lange, lange an. Bis sie den Kopf schief legt und fragt: „Darf ich rein kommen?“

„Natürlich!“ Ich mache das Fenster frei. Helfe ihr beim Einstieg in mein Zimmer. Als sie vor mir steht, lächelt und mich anschaut, werde ich verlegen, sehe mich genötigt, etwas zu sagen und stottere rum: „I-ich bin… I-i-ich heiße…“ Mir geht die Puste aus.

Ihre Augen sprühen wieder tausende Ministerne und sie sagt: „Ich weiß, wie du heißt. Ich komme ja wegen dir!“„Na, wenn du weißt, wer ich bin, darf ich dann wissen, wer du bist?“

Sie antwortet nicht gleich. Guckt sich im Zimmer um. Hebt meine CDs auf, liest, was auf den Hüllen drauf steht. Mustert mein zerwühltes Bett. Inspiziert die Minibar. Geht an den Schreibtisch schaut auf den Bildschirm des Notebooks. Sie wickelt sich den Schal vom Hals, öffnet den Mantel, legt ihn gleich auf das Bett. Sie hat ein weisses, schwarz gepunktetes, kurzes Kleid an. Sie sagt: „Ich bin deine diesjährige Weihnachtsmuse, mein Lieber! Bestellst du mir was zu trinken?“

„Muse? Weihnachtsmuse?“

„Ich mag Rotwein. Trockenen, roten Wein.“

„Meine M-u-s-e? Weihnachten? Diesjährig?“

„Der Wein sollte mindestens aus den 80ern sein!“

„Was? Ja, Wein. Ich bestelle dir was beim Zimmerservice.“ Während des Telefonats lasse ich sie nicht aus den Augen. Sie streckt mir die Zunge raus und setzt sich an das Kopfende des Bettes, lehnt sich an die Wand. Ihr Pose halb die einer Göttin, halb die eines Luders.

„Muse? iesjährige Weihnachtsmuse?“ töne ich einfallslos.

„Wann kommt der Wein?“

„Gleich. Willst du mich inspirieren? Wie willst du das machen?“

Ich setze mich auf die Bettkante, grabe mein Gesicht in meine Hände. Lange sitze ich so. Merke, wie sie zu mir heran rutscht, ihre Hand auf meine Schulter legt und in mein Ohr flüstert: „Erzähl mir einfach was.“

Zwei ein halb Flaschen Rotwein später. Es ist nach Mitternacht. Ich liege mit meinem Kopf auf ihrem Schoß und habe ihr mein ganzes Leben erzählt. Sie hat den Wein getrunken um mich ermuntert zu reden, bis ich alles los geworden bin.

Und wie sie mir über das Haar strich und so sanft und sacht zuhörte, einfach zuhörte, öffneten sich mir Schleusen, und nachdem ich aufgehört hatte zu weinen, fühlt es sich warm und gut an. Und mein Kopf ist kristallklar.

„Siehst du“, sagt sie, „nun weißt du, worüber du schreiben sollst, was dein Stoff, dein Thema ist.“

„Ich glaube schon,“ sage ich.

Sie möchte, dass ich noch etwas Musik auflege. Sie leert die Weinflasche. Es ist frühester Morgen. Dunkel. Die Stadt schläft noch. Wieder angezogen, klettert die Muse aus dem Fenster, wirft sich den Schal mehrmals um den Hals, steigt auf das Fahrrad, murmelt etwas von zuviel getrunken. Winkt mir zu und ruft: „Tschüß!“

Ich winke zurück und schaue ihr nach. Bald sehe ich nur noch ihr Rücklicht. Dann auch das nicht mehr und sie ist weg.

Mit Energie setzte ich mich vor das Notebook und lege eine neue Datei an. Draußen fängt es an zu schneien.

(C) Christoph Aschenbrenner